Akzeptanz der eigenen Begrenztheit

veröffentlicht am 10.09.2017 von Timo Moser

Nach zwei verstauchten Knien, einmal offener Unterschenkelbruch, einer Knöchelfraktur, einmal Kreuzbandriss und einem ausgeschlagenen Zahn entstand bei mir das Bedürfnis, einen Bericht über ein Führungsjahr der anderen Art, der „realeren” Art zu verfassen. Nur Bergbilder und Berichte mit Sonnenschein, lachenden Teilnehmer/innen oder staubenden Pulver deckten sich nicht mit meinen erlebten Eindrücken. Da fehlte einfach noch ein Anteil, der zum Bergsteigen auch dazu gehört. Mein Gewissen begann zu überlegen, ob wir wohl unseren Teilnehmern/innen eine Scheinwelt präsentieren, in der die "Schattenseiten" des Bergsteigens vorsetzlich verschwiegen werden. Die aktuellen Informationen: von einem Kollegen, der unter die Lawine kam, von einem Freund der sich das Bein brach oder ein anderer Kollege, der die zweite künstliche Hüfte bekommen hatte, ergänzten mein Bild bzw. stießen Überlegungen an wie: da gibt’s noch etwas neben Gipfelerfolg und „Easy going“. 

Bei selbstkritischer Hinterfragung und Betrachtung unserer Freiluftleben-Facebook-Timeline sowie unseren Berichterstattungen zeigte sich mir ein großer weißer Fleck. Wo sind die Unfälle? Wo wird das Bergsportbild mit Risiko ergänzt? Verdammt… wir sind mitten in die Sozialmedia-Positiv-Verblendungs-Falle getappt, einem "Ort" wo wir / ich nicht sein möchten.

Klar... "Wie namhafte Dieselhersteller, einfach den „Unfallausstoß“ schönen und alles fein mit fetzig, schönen Bergpanoramabildern unter den Tisch kehren." Man könnte also weiter einfach schöne Bilder und lustige Texte suchen, hörte man dabei „blöderweise“ innerlich nicht lautstark sein Gewissen fluchen.


"Bilder haben Macht – denn sie „machen“ etwas mit uns, sie prägen Weltsichten und Überzeugungen, mobilisieren Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchte. Das gilt nicht zuletzt auch für Bilder von Bergen und Bergsport – und hat Folgen für die Art und Weise, wie zeitgenössische Bergsportler_innen sich in den Bergen sehen und was sie dort tun."

www.bergrettung-salzburg.at/tipps-fuer-unterwegs-infos/macht-der-bilder/, Autor: Jens Badura

Bilder zu zeigen, wo eine Skitour auch mal im Krankenhaus und nicht zwangsweise bei einem Weißbier auf der Sonnenterrasse enden darf, die Abfahrt auch mal 1300 Hm Bruchharschgewürge bedeuten kann, wo definitiv gar nichts staubt außer die Wundkompressen, die man sich abends auf das verrenkte Knie wickelt, mag zwar nicht Publikumswirksam sein aber es beruhigt mein Gewissen. Meinem Wunsch auch mal ein Lächeln zu zeigen, wo ein Zahn fehlt und ein eingetrockneter Bluttropfen noch an der Nase klebt möchte ich hiermit ebenfalls nachkommen.



Zu gern werden solche Bilder ausgespart und solche Risiken des Bergsports unerwähnt gelassen, vor allem dort, wo Bergsport verkauft wird (Alpinschulen, Bergsportfirmen,… ). Blickt man diesen Realitäten von Beginn an ins Auge bzw. ist man als „Konsument“ aufgeklärt worden, unter welchen Risiken wir diesen Sport ausüben, ist man vielleicht gelassener im Falle des Falles und akzeptiert sein Schicksal z.B. von einem dieser gern ausgeblendeten "Anteile des Bergsport" eingeholt worden zu sein, mit weniger Bestürztheit.

Ich möchte hierbei nicht mießmutige Schwarzmalerei betreiben oder die wundervollen Anteile des Bergsteigens negieren, ich möchte einen für mein Empfinden zu stark ausgeblendeten Anteil des Bergsteigens hereinholen und kommunizieren.

Der äußerst lesenswerte Artikel „Macht der Bilder“ auf der Bergrettungsseite stieß meine Überlegungen einen Bericht der vielleicht gern als Antiwerbung aufgefasst werden könnte, zu verfassen endgültig an.



Versuch der Vervollständigung des Bildes Bergsteigen im Allgemeinen und im speziellen Bergsteigen unter Führung:

In unserer hedonistischen, Photoshop retuschierten, positiv verklärten Facebookpost-Welt werden Fehler, Makel und Ecken oft nicht mehr als Bestandteil einer natürlichen Form gesehen, sondern ausgespart oder verstärkt mit Shitstorm gesät. Spätestens, wenn Vierecke Kreise werden müssen und Bergtouren nur noch als gesundheitsfördernde Lifestylunternehmungen verkauft werden, treibt es einen besonders an diese Zeilen und Bilder von gesellschaftlich meist „negativ“ besetzten Erlebnisse des Bergsteigens zu berichten.

„Positive“ Anteile des Bergsteigens wie Freude, Selbstvertrauen, Teamgeist, Entspannung, Spaß,… sind jedem der sich in der Natur bewegt bzw. Bergsport betreibt wohl sehr geläufig und mit genug „Platz“ versehen.


Die Anteile wie Verletzung, Tod, Selbstdarstellung, Egoismus, Verzicht, Leid, Getriebenheit, … sollten in der öffentlichen Wahrnehmung von Bergsport und im persönlichen Horizont genauso Platz haben dürfen. Viele dieser Anteile nehmen sich den Platz im Leben eines „Betroffenen“ ohnedies schicksalshaft von selbst. Geschehnisse wie z.B. der Tod, die also auch unerwünscht und ungebeten Anteil am Bergsport nehmen, brauchen ihren Platz in unseren Köpfen für eine möglichst gesamtheitliche und unverklärte Wahrnehmung von Bergsport.



Es ist mir wirklich ein großes Anliegen, aufgeklärte Teilnehmer/innen bei unseren Touren und Kursen zu haben. Personen, denen klar ist, dass bei noch so „guter“ Führung durch eine/n Bergführer/in ein gewisses Risiko immer erhalten bleibt und jede/r zu einem hohen Maße eigenverantwortlich für seine Gesundheit und dem Erhalt dieser Gesundheit ist. Zu gerne wird die Verantwortung für z.B. die eigene Gesundheit an den Arzt oder der Pharmaindustrie abgegeben. Diesen Umstand möchte ich im Bereich der Führungstätigkeit vermeiden und den Teilnehmer/innen das Gefühl geben, dass mir als Bergführer das Risiko so gut es geht bewusst ist und ich versuche mein Bestes zu geben, es auf ein Minimum zu reduzieren, ich das Risiko jedoch nie ausschließen kann.

Es mag nicht populär sein und einen vielleicht als „schlechten Bergführer“ bzw. „schlechte Alpinschule“ erscheinen lassen aber:

Wir von Freiluftleben versuchen größtmögliche Sicherheit zu ermöglichen, garantieren können wir diese Sicherheit jedoch nicht, nur versuchen. Das einzige, wofür ich garantieren kann ist, das Bergsteigen ein wunderbarer Sport ist der mit einem Risiko verhaftet bleibt, mit oder ohne Führung.

Ich wünsche uns und dir einen möglichst realen Blick, Akzeptanz deiner Begrenztheit und viel Spaß in den Bergen.