Cerro Torre - Ragni Route

veröffentlicht am 6.01.2016 von Timo Moser

Cerro Torre (3104 m) laut Führer (3128 m oder 3133 m laut wiki) - Ragni Route (auch Ferrari Route oder Torre Westwand genannt) 600 m, 90°, WI5+, M4 am 1/1965 von Daniele Chiappa, Mario Conti, Casimiro Ferrari, und Pino Negri (Italy) erstbegangen. Begangen von uns am 3-6.01.2016

Da unser Material wie erwähnt am Piedra Negra lag, mussten wir eine kleine extra Zustiegseinlage am ersten Tag absolvieren. Hinauf und vorbei am Passo del Cuadrado hinunter zum Gletscher Fitz Roy Norte mit flüchtigem Blick in die Supercanaleta und hinauf zum Hombre Sentado (Sitting Man), um wieder hinab fünf Mal auf den Torre Gletscher abzuseilen um dort unser Lager auf einer Mittelmoräne zu beziehen. Nach diesen Auf und Abs kuschelten wir uns bei beginnendem Regen in die immer nässer werdenden Daunenschlafsäcke. Als es um 9 Uhr nächsten Morgen endlich zu regnen aufhörte, der Himmel sogleich fast komplett aufriss und uns die Sonne wärmte und unser Zeug trocknete, waren wir wieder versöhnt mit dieser Region, die so erbitterlich hart sein kann.

 

Als wir das Col Standhardt empor, hinten zum Circo de los Altares wieder hinab und dann noch ein Stück dem Gletscher Richtung Torre hinauf stapften, fühlten wir uns rückblickend in den zwei Tagen wie Pingpong Bälle, die, wenn auch deutlich dynamischer als wir, sobald man sie hinuntergeschossen hat, sofort wieder empor schnellen.

 

Unter einem Felsklapf, der für unser Empfinden nicht mehr brüchiger hätte sein dürfen, stellten wir unser Zelt auf, um in der Nacht von hier aus den Gipfel zu versuchen. Bedauerlich für uns, gut für den losen Felsen über uns, war dieser Platz östlich ausgerichtet und somit schnell am Abend frostig, schattig und kalt

Die Tour begann im Zustand einer schlaftrunkenen Trace vorbei an den 2 Mixed-Seillängen, weiters 40° Schnee und hinauf über 70° Eis zum Col de la Esperanza (Scharte der Hoffnung benannt von Bonatti bei einem Begehungsversuch. Interessanterweise taufte Maestri die auf der Nord-Seite des Torre befindliche Scharte, Col de la Conquista, gleichbedeutend mit Scharte der Eroberung. Diese Bezeichnung wiederspiegelt viel von dem Charakter und dem Begehungsstil Maestris, der eine Besteigung eines Gipfels immer als Bezwingen bezeichnete und so manch anderen Blödsinn veranstaltete). 


Ab dem Col de la Esperanza weckte uns der hier schroffe entgegenblasende Wind und der uns gebotene atemberaubende Blick in die aufgehende Sonne. Von hier an wurde es steiler und immer surrealer. Wir kletterten gesichert hinauf zum Elmo, ein Ort, an welchem man sich dem Mond wirklich näher fühlt.




Eine Landschaft wie in einem wagen, dumpfen in weißen Samt gehüllten Traum. Die Schneemassen zeigen sich in für uns unvorstellbaren bizarren und beeindruckenden Formen. Wie in einer unwirklichen Welt klettert man inmitten dieser Schneetürme, welche durch die feuchte Luft des Pazifiks und des starken Windes entstanden sind. Nach einigen Eislängen durch die natürlich geformten Rinnen, Kaminen und Röhren standen wir vor einer senkrecht emporragenden Schneewand - die letzte Seillänge. Eine natürlich geformte Rippe zog leicht nach rechts hinauf und war gefüllt mit Unmengen Anraum.

Firnanker an den Gurt geschnallt, kräftig durchgeatmet und rein ins „Vergnügen“. An dieser Stelle blies der Wind in patagonischer Stärke, sodass die 60 cm langen Alu-Firnanker mir auf den Helm klopften. 

Ich fühlte mich wie ein parasitischer Zeck, der sich verzweifelt an der Schneehaut des Torres festzubeißen versucht, um sich nicht abschütteln zu lassen.

Der Wind kam wie eine verlängerte Geisterhand des Berges in unerbitterlichen Böen und versuchte mich fortwegzublasen. In Embryonalstellung und mit entschlossenen Schlägen der Eisgeräte beiße ich mich vehement in das Eisschild des Torres und quere zur Headwall.

In dieser rechts empor ziehenden Rippe war der Wind deutlich weniger, aber dafür umso mehr ein Schnee- und Eisgemisch. In gewohnter Wühlmausmanier ging es über Kopf schlagend mit Ellbogen grabend stemm-schrubbend hinauf. Nach 20 m und 2 Stunden konnte man erstmals eine solide Eisschraube setzen, bevor es 5 Meter strukturlos nach links zu einem rettenden Eisschild (Das blaue Loch auf dem Bild oben) ging. Mit einiger Trickserei und Trittschlingen schwang ich nach mehr als 3 Stunden Wühlarbeit mein Eisgerät in diesen Ausstiegseisschlauch und war sehr erleichtert, aus diesem zweiten "Patagonischen Eiertanz" ausgestiegen zu sein. Stefan kam nach dreieinhalb Stunden Sichern klamm gefroren umso zügiger hinauf. 

Die letzten Meter whiteout tasteten wir uns zum Gipfel und hatten den wohl in allen Belangen patagonischsten Gipfel unserer Reise - windig, arschkalt und null Sicht. 
Hell Jeeeeeeaaahhhhhhhhhhhhhhhhhh!

 

In Momenten des Erfolges, am Ziel bzw. am Gipfel angekommen, habe ich für einen kurzen Augenblick oft das Gefühl des Triumphes, der Größe, der Überragung allen Anderem, ja ich hab vielleicht für einen Moment sogar das Gefühl, gerade das Wichtigste der Welt getan zu haben. Dieses Fokussieren auf die Tour und das Hochstilisieren der Gipfelbesteigung ist sicherlich eine wichtige Quelle der Motivation, um solche Unternehmung und die Unannehmlichkeiten zu meistern, auch wenn man stets die Nichtigkeit, ja im Grunde die Belanglosigkeit seiner Aktion nie aus den Augen verlieren sollte, um im Falle eines nötigen Abbruchs nicht Gefahr zu laufen, zwanghaft an dem Ziel festzuhalten.

Solch Bergtouren sind eine wunderbare Metapher für das Leben generell: Sich in einer gesunden Balance aus Lockerheit und Kraft an Dingen, Personen oder der Sicherheit des Lebens, wie auch dem Eisgerätegriff, festzuhalten. Zuviel an Entspannung bedeutet einen schmerzhaften Sturz, zu viel an Spannung und kraftvollem Klammern an der Sicherheit bedeutet lähmende Stagnation und unweigerliche Erschöpfung und Verkrampfung. Es ist ein Tanz der beiden Polen, ein ständiges Abwägen der Situation und ein starkes Wahrnehmen seiner eigenen Empfindungen in dem jeweiligen Moment.

Beim Blick auf die umliegenden Berge und der unendlichen Weite der Landschaft, spätestens jedoch beim Abseilen einige Seillängen unter dem Gipfel überkommt mich meist schon eher ein Gefühl der eigenen Nichtigkeit und Unbedeutendheit der Aktion bzw. seines eigenen Handelns in den Weiten dieser dann unendlich groß erscheinenden Welt.

Ein Gefühl, das mich auch beim Heimfliegen über die im Schlaf versunkene, endlos wirkende Millionenstadt Buenos Aires überkommt. Diese abertausende und Millionen von Existenzen liegen leuchtend unter mir. Alle leben in ihrer Wirklichkeit in ihrem eigenen für sie am bedeutsamsten wirkenden Theaterstück und sind dabei doch nur ein kleiner Flecken auf dem von den Alltagsgeschichten gezeichnetem Weltgemälde. Nur was ist diese Weltgemälde? Ist nur das Hauptmotiv bedeutend? Woraus besteht das wirklich Wichtige in dieser Welt? Es mag schon sein, dass es eine gewisse Graduierung in der Bedeutsamkeit der Flecken und Punkte auf diesem Gemälde gibt, entstehen tut dieses Gesamtkunstwerk jedoch sicherlich nur mithilfe der Summe der 7 Milliarden Farbnuancen und mehr...


Eine Besteigung eines global betrachtet winzigen Gipfels am letzten Zipfel Südamerikas mag auf diesem Weltgemälde als ein kleiner Farbklecks, ja vielleicht nur ein Pixel oder gar nicht aufscheinen. Für mich persönlich bleibt es eine unglaublich starke und riesig große Erinnerung, ein Erlebnis, mit dem ich dir hiermit hoffentlich eine bereichernde Geschichte erzählen konnte.

Nun aber weiter im Verlauf und Schluss mit der Sinniererei ….

Raus aus den triefend nassen Handschuhen, rein in die trockenen Fäustlinge. Die Abseilfahrt begann und endete um 21 Uhr unter dem Col de la Esperanza und nach ein paar Meter Abstieg erreichten wir unser Zelt, wo ich alsbald ohne Abendessen und Gutenachtgeschichte total erschöpft einschlief. Alles Weitere ist wie gesagt die Kür in Patagonien, selbst wenn sie "15 Stunden Inlandeis durchqueren bei beißender Sonne und stundenlanges Moränengelände durchqueren bis die Fußsohlen rauchen" bedeutet. 


Der Sinn für die Schönheit der Umgebung ist in solchen Momenten leider stark getrübt, auch wenn mich immer wieder ein dumpfer Reiz dieser bezaubernden Landschaft erreichte, gefolgt von einem antizipierenden Schmerz beim Blick auf den noch weit vor uns liegenden Weg. Um Mitternacht erreichen wir El Chalten und schliefen tief und fest wie selige Kinder ein.


 

 



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