Enchainment Freier als Paul Preuß & Pipeline

veröffentlicht am 1.07.2010 von Timo Moser

In der linken Hand halte ich eine scharfe Leiste, der rechte Fuß steht auf einem kleinen Tritt, mit links steig ich noch auf einen rauen aber abschüssigen Tritt nach. Eingedreht blocke ich die Leiste zu einem etwas größeren und scharfen Griff durch…jetzt nur nicht abspacken geht durch meinen Kopf, den Fokus voll nach Vorne zum nächsten Griff richten.

Plötzlich spüre ich einen Stich im durch die Müdigkeit schon dumpfen Bizeps. Die Reibung vom eben nicht wirklich „laufenden“ Seil zieht mir beinahe den Gurt aus und verfeinert die Situation zusätzlich. Die Rebellion des Körpers, die Ermüdung der allerletzten Faser kommt über mich…nein jetzt nicht… ich muss funktionieren. Ich blicke nach unten der letzte Friend ist zwei Meter über einem Band und ich fünf Meter über Diesem…

Ich konzentriere mich und versuche statt diesem unkoordinierte Muskelzucken im Oberarm einen koordinierten Zug  in Richtung Sicherheit zu machen. Ich mobilisiere Reserven von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe…

Nun wie kam es zu dieser Situation.

Projekte haben das Schöne an sich, dass man an Ihnen selbst und an der für die Erfüllung nötigen Vorbereitung wächst. Wenn man es schafft Grenzen in Körper und Geist zu verschieben stößt man an Reserven, deren Existenz man ohne der „Herausforderung“ nicht erahnen und kennen lernen würde. Genau das macht den Reiz eines Projektes aus. Spannend ist allgemein all das, dessen Ausgang ungewiss aber nicht unmöglich ist.

Es gibt die Motivationstheorie, welche besagt dass Mann und Frau die größte Leistungsmotivation zeigen, wenn das Lösen einer Aufgaben zu 50% Missererfolgswahrscheinlich und 50% Erfolgswahrscheinlich ist. Also ein Gleichgewicht aus Zuversicht und Herausforderung, Bekanntem und Unbekanntem, Realistischem und Unrealistischem sind die befruchtenden Elemente eines Projektes. Um sich als seriöser Kletterer keine Blöße zu liefern errechnete ich mir natürlich auch für dieses Projekt die Erfolgswahrscheinlichkeit und kam bei redundant angelegtem Rechnungsweg auf eine Erfolgswahrscheinlichkeit von exakt 50% …glaube keine Statistik welche du nicht selbst… usw.

Ich probierte es also!

Mir waren beide Touren von vorherigen Begehungen bekannt, unbekannt war mir, beide Touren an einem Stück zu klettern.

Die Idee diese Touren zusammen zu hängen kam mir schon damals, noch bevor ich den Ausstieg der Preuß erreicht hatte. Diese Idee reizte mich fortwährend und brachte die Überlegungen in gang ob es möglich wäre diese beiden Touren innerhalb von 24h zu klettern.

Ich lies unzählige Klettermeter verstreichen bis es wirklich soweit war. Diese Unternehmung forderte gute Vorbereitung, einen gleich gesinnten und fitten Partner sowie gute Bedingungen. So ein gesamtheitliches Zusammenspiel kommt nicht häufig vor umso glücklicher machte es mich, dass am 1.07.2010 dem fast längsten Tag des Jahres alles zusammenspielte. Flo und Ich wagten das Abenteuer der Ungewissheit.

Wir hatten folgende selbst auferlegte Regel:

Begehung der beiden Touren innerhalb eines Datums von 24 Uhr bis 24 Uhr ohne Zuhilfenahme von einem motorisierten Gefährt zwischen Start und Ziel. Start war der Parkplatz Kopphütte – Ziel der Hochkogel Gipfel.

Wir entschieden uns aus taktischen Gründen zuerst die Freier als Paul Preuß zu klettern und starteten frisch und zugleich müde um 24 Uhr des 1.Julis in die Nacht. Die Räder noch bis auf die Wiedersbergalmen geschoben ging’s weiter im Schein der Stirnlampen zum Einstieg. Nach anfänglich übermotiviertem Adjustieren mit Stirnlampen an Kopf, Bauch und Fuß beschränken wir uns auf eine Lampe am Kopf. Die ersten Längen gingen schnell dahin, beim fröhlich tropfenden Quergang trafen wir wieder zusammen. Flo meisterte diesen im glitzerlicht der Stirnlampe bravourös und es ging zügig weiter. Um 6:30 Uhr reichten wir uns nach weiteren drei Führungswechseln und einigen absolvierten Klettermetern am Gipfel des Großen Bratschenkopfes die Hände und schauten verträumt in die morgendlichen Sonnenstrahlen.

Zum genießen war keine Zeit, mit gezückten Firnwaffen, Pinus Mungo sei dank, ging es die Schrambachscharte hinunter. Um 8:30 hieß es Radeln…ohweier. Die Gefahren liegen eben immer dort wo man sie nicht vermutet oder darin wo man nicht geübt ist ;-) Wir konnten die Schotterstrasse trotzdem unversehrt hinter uns lassen und fuhren entspannt und müsliriegelessend bergab Richtung Tenneck, zum Einstieg der Pipeline.

Nach einem kurzen power nap brachen wir etwas nach 10 Uhr zur Pipeline auf. Was für eine Aufbruchszeit für solch eine Tour. Erstmals ging’s per pedes auf die Autobahn. Wir hörten schon die Durchsagen auf Ö3: Achtung Achtung Spaziergängerwarnung auf der A10 Richtung Salzburg, es befinden sich zwei Personen fraglicher Verfassung neben der Fahrbahn, einer trägt eine omagoldenfarbene Strumpfhose, der Andere einen Kinderrucksack mit Unmengen Kabel. Es muss von verwirrten und nicht zurechnungsfähigen Personen ausgegangen werden. Bitte Vorsicht.

Das kurze Autobahnintermezzo brachten wir erfolgreich und ohne Zwangsjacke hinter uns. Der märchenhafte schöne aber höllenhaft heiße Kiefernwald stand uns noch bevor. Die 1,5l Wasser im Rucksack schwanden mit erschreckender Geschwindigkeit, was nur für kurzzeitige Erleichterung sorgte. Am Einstieg angekommen hatten wir keinen tropfen Wasser mehr und einen mehr oder größeren großen Durst. Der Blick in die 33 sonnigen vor uns liegenden Seillängen trieb uns den letzten tropfen Ehrfurchtswasser aus der Stirn. Doch das Glück der Wirren war mit uns und so fanden wir tatsächlich einige Meter neben dem Einstieg ein im wahrsten sinne des Wortes erbärmliches Rinnsal, gespeist vom Gewitterregen tags zuvor. Des einen Freud ist des anderen Leid.

Das Auffüllen der Flaschen war nicht nur eine große Geduldsprobe und Wasseroberflächenspannungsausnutzkunst sondern auch äußerst förderlich für unsere Erfolgschancen diese Wand zu durchsteigen.

Kurz vor 13 Uhr stiegen wir gerüstet in die erste Länge ein. Mit Überraschung mussten wir feststellen, dass die Hochkogelnordwand doch eher eine Nordwestwand ist und durchaus mit erhöhten Temperaturen aufwartet. Die eine oder andere Verschneidung und Wolke am Himmel nahmen wir mit größtem Wohlwollen zur Kenntnis.  Um vier war Siesta am Biwakplatzl angesagt, Halbzeit der Tour. Da wir gut in der Zeit lagen tankten wir noch etwas Kraft und verweilten ein wenig auf diesem genialen Plätzchen.

Die letzten Meter waren gezeichnet durch die schwindenden Kräfte und den Beweis der Willenskraft, man erinnere sich an den Anfang der Geschichte. Wobei wenn es mal rennt dann rennt’s. Nur zu schnell und schwer darf es nicht mehr rennen, was es auch nicht mehr tat. Die Wand lehnte sich abgestimmt mit den abnehmenden Kräften zurück. Der Fels wurde zwar brüchiger dafür flacher und leichter. Der erste Enzian lachte uns auch schon satt violett entgegen und am Gipfel nahm eine riesen Herde Gämse reis aus und überließen uns die weiche Liegewiese des Plateaus zum zusammenbrechen.

Es ist 19:30 wir fall uns in die Arme und schauen diesmal in die untergehende Sonne neben dem Großen Bratschenkopf am Hoch König…nicht nur die Sonne nimmt ihren Lauf.

Geistig wie körperlich völlig entleert starren wir in die Sonne. Neben der Erschöpfung spüre ich eine gewisse Zufriedenheit und Freude heut nicht mehr klettern zu müssen. Den letzten Abstieg nahmen wir fatalistisch zur Kenntnis und kamen um elf Uhr wieder zurück am Ausgangspunkt, bei der Kopphütte an. Wir lehnten uns beide in den endlos gemütlichen Autositz zurück und  schliefen sofort ein.

Was für 24 Stunden!

Fakten

Großer Bratschenkopf – “Freier als Paul Preuß” 7-, 28 Seillängen, 1100 Klettermeter

Hochkogel – “Pipeline” 7+, 33 Seillängen, 1300 Klettermeter

siehe auch Hochkönigführer sowie Tennengebirgsführer von Albert Precht, Panico Verlag


PROGRAMM ZUM BERICHT