Erstbegehung - Gehirnzellenmassage

veröffentlicht am 14.07.2010 von Timo Moser

Ich entdeckte diese mögliche Linie bei einer Begehung einer daneben liegenden Route und war sofort motiviert meinem Gefühl der Möglichkeit der Linie nachzugehen. Ich fragte beim runtergehen gleich mal den Hüttenwirt ob er wisse ob sich in dem Bereich eine Route befindet. Nachdem ich erfuhr, dass der obere Bereich noch Neuland ist war der Plan für die nächsten Tage klar. Los geht’s.

Steffen und ich starteten höchst motiviert in die erste Länge. Diese gehört noch zu einer alten Route und wir beließen alles so wie wir es vorgefunden hatten und schlugen nur Normalhaken am Stand um den Charakter der alten Linie nicht zu stören. Der Rotpalfenriss zieht hier nach rechts weiter, wir zweigten nach links ab, wo wir uns eine mögliche Dachquerung von unten aus erhofft hatten. Die Dachquerung ging einwandfrei und so fanden wir uns einige Zeit später eine Länge weiter oben. Bei dem Versuch diesen Stand ebenfalls ohne Bohrhaken einzurichten verabschiedete sich gleich mal eine ein Mal ein Meter große Schuppe.  Ich entschied mich den Stand zu bohren.  Nach einer weiteren kürzeren aber spannenden Plattenstelle mit Faktor 2 Möglichkeit nutzten wir den Stand der nahe liegenden Route Seele Brennt. Schon schräg wie schnell sich das Gefühl von Sicherheit relativiert. Philosophiert man im Kettergarten noch über die Werte der Bohrhaken im Tonnenbereich oder ihre Abständen im Zentimeterbereich, freut man sich in solch Situation über einen gesetzten Cliff in einer Wasserrunse wie ein kleines Kind übers Süßwarengeschäft.

Auf in die nächste Platte hieß es und schon stand ich 6 Meter weiter rechts im Plattenpanzer. Meine Versuche sich gegen einen gebohrten Zwischenhaken zu wehren krachten donnernd in die Tiefe. Auch hier war der Fels extrem verschlossen und bat keinem meiner Freunde am Gurt Unterschlupf. Nach gefühlten Stunden des herum Probierens musste ich Widerwillens zur Bohrmaschine greifen. Die anschließenden Meter verlangten mir neben einem zweiten Haken auch einiges an Anstrengung und Gehirnzellen ab. Ich wollte Elvis jedenfalls nicht bewusst parodieren. Nach 40 Klettermetern konnte ich meine Hand wieder entkrampfen und meine Folter- und Moderkammern ausziehen was für ein Genuss und was für eine unschätzbare Erleichterung es ist, an einem sicheren Punkt, dem Stand zu hängen.

Genau dieses Wechselspiel aus Sicherheit und freiwilligem Entsagen dieser Sicherheit durch das wegklettern und der Aufbruch ins Ungewisse ist das Spannende und die Herausforderung des Kletterns, im speziellen des Erstbegehens. Es ist wie das Aufstehen und heraus kriechen unter der warmen Decke, wenn es draußen eisig kalt ist. Oder wie das Schwungansetzen bei Bruchharsch bzw. in einer steilen Rinne.…das aufgeben des Gleichgewichts der Sicherheit.

Klettert man nun von einem soliden Zwischenhaken oder vom Stand weg verlässt man genau diese Insel der Geborgenheit, das schöne warme Nest, die vermeintlich totale Sicherheit. Dieser Wechsel steht metaphorisch für das ganze Leben. Ein ständiger Wechsel von Geborgenem, Bekannten zu Neuem, Ungewissem. Es ist eine belebende Abwechslung und die totale Herausforderung zu gleich. Wie das Leben eben.

 Fakten

200m, 5 Seillängen: 5a, 6b, 6b, 6c+, 5a

Näheres siehe  Topo

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