Erstbegehung "Säkularis" in der Großglockner Nordwand

veröffentlicht am 12.10.2014 von Timo Moser

Motiviert von den vorherrschenden schneearmen, herbstlichen Verhältnissen am Großglockner und durch die Sorge, nach dem nächsten Schneefällen unser Vorhaben auf unbestimmte Zeit verschieben zu müssten, zog es uns um so stärker die Großglockner Hochalpenstraße empor zur Pasterze.


Bei nass feuchtem Wetter steigen wir zur Biwakschachtel empor. © Timo Moser


Um die Gunst der Stunde nicht verstreichen zu lassen, gingen wir trotz Nieselregen, welcher kurz vor der Biwakschachtel zu einem recht ordentlichem Regen ausartetet, los. Auch wenn uns der Herbst bzw. Frühwinter rückblickende noch unzählige möglicherweise trockenere Tourentage geschenkt hätte, waren wir froh, unterwegs zu sein und sehr gespannt unsere Wunschlinie einmal von der Nähe betrachten zu können.

Durchnässt und etwas skeptisch über die morgigen Verhältnisse bei diesem Dauerregen bis weit über 2000 m begannen wir mit den nicht sehr aufwendigen Vorbereitungen für unser puritanisches Abendmahl. Wasser und Polenta erhitzt und in den Mund gesteckt erzeugte bei uns Beiden keine kulinarische Berauschung, vor allem bei dem Anblick des lecker knackig frisch angebratenem Letschogemüses aus frischer Paprika, Zuchini und Melanzani unserer italiensichen Biwakkollegen samt Bier aus der Flasche. Trotz geringer Gaumenfreude unserer Speise konnten wir gut gesättigt, aber widerwillig in unsere beim Zustieg nass gewordenen Kleidungstücke schlüpfen, um diese bis zum morgigen Tag wieder trocken zu bekommen. Klamm heimlich legten wir uns hin und waren gespannt, was der nächste Tag so Erfrischendes bringen wird.

"Aus dem einschläfernden aufs Blechdach plätschernden Regen wurde über Nacht Schneefall und so lag am nächsten Morgen die Glocknernordwand fein angezuckert und von der morgendlichen Sonne goldgelb erläuchtet wie verzaubert vor uns."


Wahrlich ein MagI(s)ch Moment. © Timo Moser


Innerlich begeistert durch diese majestätische in absoluter Ruhe vor uns liegenden Wand stiegen wir in den anfänglich 200 m langen, flacheren Vorbau ein. Nach diesen technisch gemütlicheren Anfangsmetern konnten wir uns gut aufgewärmt in den ersten steilen Längen dieser Tour versuchen. Der gesamte Berg begann zu diesem Zeitpunkt in einer grauen Wolke zu versinken und gab uns das Gefühl, verloren auf offener See durch diese Wand zu treiben. Konzentriert auf unseren Mikrokosmos gings in eine durchwegs verschlossene und teils brüchige, senkrechte Verschneidung. Mithilfe von Eisgerät, Hammer, Haken und viel Schruppen mit so allen möglichen an uns befindlichen Körperstellen konnten wir mit leichten Jackenplessuren genug Reibung erzeugen und diese Länge hinter uns lassen.


Timo in der zweiten, schwierigen Seillänge der Tour - nach dieser Länge klettern wir nach links. © Flo Hübschenberger


Mit den im Wind wehenden Fetzen von Timos Jacke ging es wie "beflügelt" die nächsten Längen empor. Es folgte eine gut zu kletternde Mixedlänge, nach derer wir uns entschieden, die leichte Schneerampe nach links zu wählen und nicht die sehr verschlossene direkte Linie gerade empor. Nach einer kurzen Plattenkratzeinlage kamen wir auf ein flaches und breites Band, welches sich wie eine Balustrade rund um den letzten felsigen Steilaufschwung schlängelte. Diese letzten vor uns liegenden Meter Fels hatten es nochmal in sich und verlangten Zeit und Kraft.

Einige Schlaghaken und für uns verbleibende Sonnenstunden weniger standen wir auf der Grögerschneid und fielen uns über die gelungene Begehung in die Arme. Wenn auch schon körperlich, so waren wir geografisch gesehen aber leider noch nicht ganz am Ende.

Ab hier ging es über einen tief winterlichen, aber gut zu kletternden Nordwestgrat zügig auf den Großglockner.

"In diesen Moment, bei voller Einsamkeit, Sonnenschein und über diesem Wolkenmeer auf dem Gipfel zu stehen, kam uns die Freiheit wirklich grenzenlos vor."


Flo am letzten Abschnitt des Großglockner Nordwestgrat. © Timo Moser


Die uns nicht so grenzenlos erscheinende übriggebliebene Zeit mit Tageslicht ließ uns den Abstieg beginnen. Demütig über den auf uns noch zukommenden Gegenanstieg auf die Franz-Josefs-Höhe teilten wir uns die Kräfte ein und stolperten fatalistisch unserem Auto entgegen. Bei Dunkelheit und mit großer Zufriedenheit sanken wir in die Autositze und begannen zu philosophieren, was wir uns bei der nächsten Gelegenheit nicht alles zu Essen und Trinken kaufen werden. Unser Bedürfnis "Berg" war vorerst gestillt und unsere Grundbedürfnisse drängten in den Vordergrund. Zurück zur Familie und hinauf mit dem Blutzuckerspiegel.


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