Indien Expedition - Naturfreunde-Alpinkader

veröffentlicht am 8.10.2017 von Timo Moser

Ich durfte vom 30.07-30.8.2017 vier (Patrick fiel leider verletzungsbedingt aus) motivierte und sehr ambitionierte BergsteigerInnen Babsi, Michi, Thomas und Lorin bei ihrer Abschlussexpedition des Naturfreunde Alpinkaders begleiten. Nach zwei turbulenten Ausbildungsjahren ist im dritten Alpinkaderjahr jeweils eine große Reise/Expedition gemeinsam geplant.
 

Das eigentliche Ziel dieser Expedition war die Zankskarregion in Nordindien. Wir wollten die Region bzw. die Berge westlich vom Poat La Pass erkunden, doch wie kann es im Leben bzw. vor allem in Indien sein… es kam natürlich anders.
 

Um dem gebetsmühlenartigen, ewig wiedergebärenden Rezitieren von Zustieg, Tour, Gipfel, Juhu und Abstieg etwas zu entkommen, werde ich mich auf die „Sidestorys“  dieser tollen Reise konzentrieren und die Tourenfakten unten am Bericht kurz zusammenfassen. Des Weiteren gibt es einen tourentechnisch ausführlicheren Bericht unter Naturfreunde Alpinkader, die Bilder zu den Touren sprechen dann ohnedies mehr als ich im Stande bin, zu schreiben.

So eine Expedition beginnt und besteht zu einem großen Teil immer schon ein Jahr davor mit Vorbereitungen, somit begann auch diese Geschichte mal mit: Wo hin? Was tun? Recherchieren, Email hin, Email her! Zusammensitzen! ...bis das „Ding“ steht.

 

Im Februar, 6 Monate vor dem Abflug, wurde mir erstmals bewusst, wie anfällig und wie viele Komponenten mitspielen müssen, dass wir in Indien, 7000 km westlich von Europa entfernt, zu sechst auf einem Gipfel stehen können. Besonders klar wurde es mir, als mich Patrick anrief (der fünfte im Alpinkader Bunde) und mir mitteilte, dass er gerade mit einem gebrochenen Unterschenkel und samt 400 g Eisen bestückt im Krankenhaus liegt… Uff. Knapp ein halbes Jahr vor der Expedition mit so einer schweren Verletzung laborieren lies jeden, besonders die Ärzte skeptisch sein, ob Patrick mitfliegen bzw. die größere Herausforderung, mitgehen kann.
 

Würde man solch eine Expedition als Uhrwerk abbilden, besteht die Funktion dieses Werk aus vielen Rädchen und Federn. Die Gesundheit ist wohl ein sehr zentrales und großes Rad in diesem Zahnradwerk. Das besondere bzw. herausfordernde bei Expedition ist jedoch, dass selbst ein kleines unbedeutendes Rad jedes weitere zum Stillstand bringt. Eine kurze Auflistung möglicher und eingetroffener Zahnrädchen dienen als Gedankenstütze, bitte um geistige Ausmahlung, was dies jeweils konkret bedeutet: Freiheitsstrafen Satphone-Mitnahme, Fluggepäck verloren, Reizdarm, Wetter, Psyche, Gruppenstimmung, Flussüberqueren, Materialverlust, Seilschaden, Organisation (Fahrer, Träger, Bürokratie,..),  Tourentaktik und unerdenklich mehr Möglichkeiten des Uhrwerkstillstandes.

Patrick musste verletzungsbedingt schlussendlich wirklich daheim bleiben…alles Gute dir bei der „Zahnradheilung“!

Wir starteten unsere Reise also schon mal mit viel Dankbarkeit, dass wir gesund in den Flieger steigen konnten.

Reisen im Allgemeinen und Reisen nach Indien im Besonderen bieten einem Gelegenheit, seine eigene Welt- und Lebenseinstellungen zu relativieren. In Indien relativiert sich so einiges, nicht nur der Begriff Zeit, sondern auch Sauberkeit, Stress, Normen, Sicherheit und und und bekommen neue Dimensionen.
 

   

Zusammengefasst kann man sagen „Normal ist relativ“, Richtig ist subjektiv und Falsch zu vereinfacht.

Den Standpunkt zu verlassen, die Dinge mit Richtig oder Falsch bewerten zu müssen, ist für solch Reisen und genauso im alltäglichen Leben bereichernd. Zuschauer zu sein, der ohne Wertung dem Schauspiel des Lebens folgt und vielleicht mit Verwunderung, aber steht’s mit wohlwollender „Anerkennung was ist“ feststellt ahh; Taxis kommen 1 h zu spät oder auch gar nicht, auf der Straße werden 1 m tiefe Schächte unabgesperrt offen gelassen, Äpfel werden dir als Birnen verkauft, die europäische Nein-Kopfbewegung gilt als Ja, Autoreifen werden auf -1 mm Profil runtergefahren, 1 Kb/s ist Highspeed-Internet,… .

Nach dem Flug München-Dehli + Dehli-Leh gings per Bus 2 Tage von Leh-Kargil (6h) und von Kargil-Padum (12h) weiter.
  

     

Da sich unser bzw. mein Kopf meist Beschäftigung sucht, ich keinen Mp3-Player zur Hand hatte und bei der Schotterpistenfahrt beim Lesen immer die Zeile verlor, begann ich mir die lustigen Verkehrserziehungssprüche am Straßenrand zu merken und sinnierte über Straßen-Lebensmetaphern.

Auszug witziger Verkehrserziehungs-Sprüche neben der Straße:

„Drinking wiskey, driving risky“

„It’s no ralley enjoy the valley“

„Better Mr. Late then late Mr“

„Don’t be silly it is hilly“

„Don’t hurry don’t worry“

„Speed thrills but kills“

“Drive with care makes accidents rare”

“Safety First, Speed Afterwards"

”Life is short, don’t make it shorter”

“Live for today, drive for tomorrow”



Ein Straßenabschnitt von Kargil nach Padum - für die 230 km benötigt man ca. 12 h Fahrzeit! 

Meine weiters entstandenen Straßenlebensmethapern bezogen sich auf zweierlei: Ver- und Absicherungpolitik unserer Zeit sowie die unterschiedlichen Fähigkeiten jedes einzelnen Situationen des Lebens zu bewältigen.

Erste Methaper | Die Straßen in Ladakh sind... mit viel Liebe und im Prinzip Hoffnung in den Hang gegrabene 5 m breite Streifen. Keine Betonanker, keine Stahlnetze, keine Leitplanken und keine Tunnels sichern die Straße vor Hangrutsche bzw. Steinschlag. Darauf wurde natürlich primär aus monetären Gründen verzichtet, aber zu einem gewissen Teil, wie ich meine, auch aus lebensphilosophischer Sicht, sich nicht auf die präventive Taktik, sondern auf die reaktive Taktik zu konzentrieren. Betrachtet man eine europäische Straße, so erkennt man das hier „reine“ planerische und präventive Taktik vorherrscht. Die Sicht, was kann alles wo passieren und wie können wir dies alles verhindern. Mit viel Aufwand und Angst rüsten wir uns vor allem Möglichen und Unmöglichen. Statt zuerst zu schauen, was und ob überhaupt was kommt und dann erst zu reagieren, sind wir im Kopf im Leben oft in der totalen Assoziationskette. Sicherlich auch eine große Qualität, antizipieren und vorrausschauend agieren zu können, wäre da nicht die Unschärfe des Vorausschauens und des Konjunktives. Da wenige dem Hellsehen mächtig sind, ist dieses Vorausschauen eine reine Vermutung und oft verfehlt. Würde man im Leben wie auf der Straße von Leh nach Padum nur z.B. den einen runtergefallenen Stein wieder zur Seite räumen und nach einem starken Regen das ausgespülte Bachbett wieder auffüllen, wäre man sehr präzise an den Stellen, wo Handlung wirklich nötig ist. So gesehen würde man in eine entspannte reaktive Position treten anstatt nervös sich vor allem erdenklich Möglichen schützen zu müssen. Man würde dem Reaktiven Akzeptanz geben und es nicht als „Fehler“ sehen, wenn etwas passiert und man agieren muss, sondern als Bestandteil des Lebens, für den man, wenn er eintritt, eine Lösung finden wird und nicht präventiv auf Verdacht lauter Lösungen im Vorhinein sucht. Ich stellte mir die grundsätzliche Frage, ob ich mich gegen "das Leben" absichern, mich präventiv schützen kann?

…weitere Gedanken...

Zweite Methaper | Als ich die Leute, hauptsächlich niedrigst entlohnte Arbeitskräfte aus Südindien, am Strassenrand mit primitivsten Mittel vielleicht 100 m weiter als vor 10 Jahren arbeiten sah, kam mir neben dem Gedanken, dass die Leute wirklich hart und unglaubliche Arbeit leisten, ein weiterer Gedanke: Diese Leute graben z.B. Kilometer lange Kabelschächte am Straßenrand mit Sparten und Zugschnur und das Monate, wenn nicht jahrelang. Klar, ein Bagger würde die Arbeit vielleicht in 2 Wochen machen, aber finanziell teurer und wenn Zeit keine oder eine viel geringer Rolle spielt, ist die Spartenvariante der klare Favorit. Als ich also zwei Inder beim Graben der eine schaufelte, der andere zog an einem Seil, welches am Sparten befestigt war, wodurch das Schaufelplatt aus dem Graben gehoben wurde, kamen mir weitere Gedanken.


Agieren wir im Leben in vielen Situationen rückblickend oder von außen betrachtet nicht ebenfalls oft mit viel Mühe und viel Anstrengung, jedoch im Vergleich mit den Möglichkeiten „nur“ mit unseren limitierten und teils begrenzten „geistig-emotionalen-Fähigkeiten“. Sind wir in Konflikten nicht oft gefangen in unserer bescheidenen Spartentechnik, die Konfliktthemen, wenn überhaupt, dann nur in Schabetechnik abträgt, anstatt sie mit dem Bagger ratz fatz weg zu schaufeln. Klar, das ist wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen, denn wo auch baggern, wenn nur der Sparten zur Hand ist.

Meine Leh-Padum Conclusio:
Bearbeite Dinge, wenn sie relevant werden und bediene dich deiner eigenen, begrenzten Möglichkeiten dies zu tun. Glaube weniger daran alles präventiv planen und absichern zu können als vielmehr an deine Fähigkeit flexibel und beweglich an Lebenssituationen herantreten zu können. Akzeptiere das Tempo und die Technik mit welcher du an Dinge herangehst. Bagger kann man in Wirklichkeit kaufen, metaphorisch gesehen kannst du sie jedoch nur in liebe zu dir selbst erarbeiten und innerlich entwickeln.
Es entstand während dieser Überlegungen auch der meiner Meinung nach recht passende Spruch und Titel von dem Bericht: Akzeptanz der eigenen Begrenztheit.




In Padum angekommen, bekamen wir ein Lernfeld der besonderen Art. Wir durften unsere Fähigkeit, gesetzte Ziele und Pläne flexibel über den Haufen werfen zu können, anwenden. Nach 2 Tagen sehr frustrierender und desillusionierender Performance der Träger erkannten wir, dass es erstens zu wenig Träger für die Menge an Gepäck waren und zweitens diese Träger technisch/motivatorisch nicht in der Lage waren, unser Material 3 Tagesetappen lang und über einen 5400 m hohen Pass tragen konnten… wir mussten also umplanen.

 

Ich wiederhole, Akzeptanz der eigenen Begrenzheit. Didl dadl dum, alles wieder anders rum. Da wir neben dem geistigen Schwadronieren - wie oben dargeboten - bei der Autofahrt auch einige Zeit hatten, aus dem Fenster zu blicken, wussten wir auf Anhieb zwei Plätze am „Straßenrand“, die tolle Ziele boten und als Alternativziel taugten.

Wir peilten also diese zwei Orte an und hatten extrem kurz gefasst tolle Bergabenteuer und eine wundervolle Zeit mit unseren drei Unterstützern Jagdish (Koch), Jeewan (the Brain) und Dharam (der Übersetzer und Chiller).

 

Basecamp Sani

 



Basecamp Rangdum / Suru Valley





Mehr Infos auch HIER oder HIER


Expedition modern und kompakt in Zahlen

5 Touren begangen, 11 handgebohrte Bolts, 100 m Rückzugsreepschnur verbaut, 4 Seile zerstört, 70 Trockennahrungen gegessen, 3 Zelte bewohnt, 15 kg Reis und 15 kg Kartoffel gegessen, ca. 780 mal gelacht, 2-3 mal geflucht (etwas geschönt), 35°C Körperkerntemperatur nach Sitzbiwak, 50 ml Sonnencreme verschmiert, 8 Rollen Klopapier verkackt, 1-2 mal gedacht „was tu ich da eigentlich“, 210 Ah Solar-Strom verbraucht, ca. 7000 Hm gegangen, 6070 m höchst erreichter Punkt, 5 mm Nagelwachstum/Person, gefühlt 1 kg Sand im Körper, 38 h Autofahrt, unzählbar viele Eindrücke


Tourenüberblick

Alle vom NF-Alpinkader gemachten Touren sind vermutlich Erstbegehungen, leider jedoch keine Erstbesteigungen. Ausnahme: Die letzte Tour "The last stand" von Thomas und mir in Rangdum war vermutlich schon begangen.


„Inschallah, maybe“, Torre Fanni (5400 m):
9 Seillängen, 350 m, M6, 5c, 60°, 10. August
2017 (Tom, Babsi)


„South-East-Face“, Peak (6060 m): 1000 m,
4a, 55°, 10. August 2017 (Lorin, Michi, Timo)


„North-West-Face“, Peak (5600 m, Cerro
Zanskar): 15 Seillängen, 500 m, 6a, A1,
15.-16. August 2017 (Tom, Babsi, Lorin,
Michi, Timo)
 
„My local river is a nightmare“,
Rangdum’s Afterwork Pillar (4500 m):
19 Seillängen, 500 m, 6a+ (6a obligat),
21.-22. August 2017 (Michi, Lorin, Babsi)


„The last stand“, Shafat Fortress (5630 m): WI 4+, 4a,
21.-22. August 2017 (Tom, Timo)





Danke an alle euch da draußen, die uns unterstützt haben, den Luxus Bergsteigen in einem fernen Land erleben zu können!



       




Einen weiteren Bericht von der Expedition vom Naturfreunde Alpinkader gibts HIER